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Earthing – auf Tuchfühlung mit der Erde

Earthing Artikelbild

„Earthing“ oder auch Grounding beschreibt einen direkten Kontakt zur Erde. Diese vergleichsweise neue Praktik erfreut sich großer Beliebtheit in der Biohacking-Community. Durch die direkte Berührung des Untergrunds mit seiner natürlichen elektrischen Ladung soll die Physiologie des Körpers stabilisiert werden. Physiologie meint hierbei alle biophysikalischen und biochemischen Prozesse in unserem Organismus.

Der resultierende Ladungsausgleich soll Entzündungen, Stress und Schmerzen reduzieren. Zudem werden Verbesserungen einzelner Körperprozesse beschrieben: Blutfluss, Energie und auch der Schlaf sollen enorm vom bewussten, regelmäßigen Kontakt mit dem natürlichen Untergrund profitieren.

Wie sieht die Studienlage aus?

Earthing ist naturgemäß noch ein recht junges Thema in der Forschung. Bis ins Jahr 2020 befassten sich etwa 20 Studien mit dem Thema. Problematisch an der Studienlage ist, dass die Testgruppen jeweils sehr klein waren. Somit ist die Aussagekraft der postulierten Effekte durch den Ladungsausgleich durchaus kritisch zu hinterfragen. Zukünftige Studien werden zeigen, ob Earthing die genannten Wirkungen auch tatsächlich für sich reklamieren kann.

Wie setze ich Earthing um?

Vielleicht hast du schon mal eine Person gesehen, die bei 10°C Außentemperatur barfuß durch die Innenstadt lief? Dann hast du wohl Biohacking in der Praxis gesehen. Musst du das auch tun? Nein, Earthing lässt sich auch anders umsetzen.

Generell soll die Erdung schon bei etwa 10 Minuten am Tag gute Ergebnisse liefern. Du kannst auf Asphalt, Sand, Waldboden, Rasen und vielen anderen leitfähigen Flächen laufen. Genauso kannst du dich auch auf den Boden legen. Dafür eignet sich der Sommer etwas besser mit den höheren Temperaturen. Damit du dich im Winter oder bei kälteren Temperaturen ebenfalls einfach erden kannst, gibt es beispielsweise Bettlaken, die durch eine bestimmte Materialzusammensetzung eine sehr ähnliche Wirkung haben, wie die Oberfläche der Erde. Zudem sind Erdungsmatten für deine Füße erhältlich, oder auch Socken, die den Effekt simulieren sollen.

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Gelegentliches Barfußlaufen als Biohack. Bild: shutterstock.com/Elizaveta Galitckaia

Noch simpler als neuartige Erdungs-Gadgets und dabei ebenso effektiv ist das Barfußlaufen. Du musst keine großen Unkosten stemmen und profitierst nicht nur durch den Ladungsausgleich, sondern tust auch deinem Körperbau etwas Gutes. Nicht umsonst sind sogenannte Barfußschuhe seit einigen Jahren ein großes Thema. Die Fuß- und Wadenmuskulatur wird dadurch deutlich mehr beansprucht und vor dem Aufsetzen des Fußes findet eine Voraktivierung der entsprechenden Muskulatur und des Fußgewölbes statt. So bereitet sich dein Körper auf den „Aufprall“ vor und kann den Kontakt letztlich besser dämpfen. Dicke Schaumstoffsohlen von Laufschuhen geben dem Körper keine Vorbereitungsmöglichkeit und der plötzliche Stoß „überrascht“ die Füße. Mit gelegentlichem Barfußlaufen machst du also nicht nur deinen Körper glücklich, sondern auch etwaiges orthopädisches Fachpersonal.

Zusammenhang mit Erkrankungen

Tatsächlich wird in einschlägiger Literatur ein Zusammenhang zwischen unserem Lifestyle und dem damit verbundenen Kontaktverlust zur Natur und vielen chronischen Erkrankungen vermutet. Dazu zählen kardiovaskuläre Erkrankungen (bspw. Bluthochdruck), Atemwegserkrankungen, neurodegenerative Erkrankungen (Alzheimer, Parkinson), Autoimmunerkrankungen oder auch Diabetes.

Da diese Erkrankungsgruppen unsere Gesundheit langfristig gefährden und auch einen großen Teil der Bevölkerung betreffen, scheint eine Präventionsmöglichkeit mittels Earthing durchaus sinnvoll. Auch wenn ein definitiver Beleg für die konkreten Assoziationen noch aussteht – der Wert von Barfußlaufen für die Gesundheit ist zweifelsfrei belegt.

Wirkt sich Earthing auf die sportlichen Ziele aus?

Eine Studie ist sich sicher, dass du in sportlicher Hinsicht profitieren wirst. Ein Thema in der Sportmedizin ist „delayed onset muscular soreness“ (DOMS; verspätete Muskelschmerzen). Im Zusammenhang mit DOMS wurde erst kürzlich eine Studie an der Universität Salzburg durchgeführt. Hierbei kam heraus, dass SportlerInnen eine deutlich bessere Regeneration hatten, wenn sie geerdet geschlafen haben. Dies soll sich mit der antientzündlichen Wirkung auf kleine Mikroschäden in der Muskulatur erklären lassen. Sportliche Aktivität kann ebendiese Mini-Verletzungen verursachen.

Andere Studien haben sich mit der Wärmebildung beschäftigt und PatientInnen entsprechend mit Wärmebildkameras aufgezeichnet. Teilnahmebedingungen waren Knieschmerzen, welche mit einer erhöhten Temperatur in den Wärmebildaufnahmen dargestellt werden konnten. Nach der ersten Aufnahme wurden die PatientInnen geerdet und wiesen eine deutlich niedrigere Temperatur auf. Die Ergebnisse waren bereits nach 30 Minuten sichtbar und sind damit durchaus beeindruckend.

Effekte auf die Durchblutung

In einer anderen Studie legten die Forscherinnen und Forscher ihr Augenmerk auf die Durchblutung. In der kleinen Studiengruppe verbesserte sich die Durchblutung um etwa 270% innerhalb von zwei Stunden nach dem Earthing. Der Effekt wurde mit der negativen Ladung erklärt, welche zum Verklumpen, von Blutkörperchen führt. Durch eine Reduktion der Ladung gibt es weniger Koagel und das Blut kann besser durch die Gefäße fließen.

Ausblick

Das Thema ist allein deshalb sehr interessant, weil ein simpler Kontakt mit der Erde ausreichen soll, um gewisse Gesundheitsparameter nachhaltig zu verbessern. Für eine klare Empfehlung fehlen jedoch noch eine eindeutigere Studien mit größeren Populationen, Vergleichsgruppen und unterschiedlichen Fragestellungen.

Vielleicht versuchst du den Sommer über aber trotzdem mal möglichst oft barfuß zu laufen – zumindest deine Füße werden es dir danken. Und möglicherweise merkst du etwas vom postulierten heilenden Kontakt mit Mutter Natur.

Literatur:

  • Menigoz W, Latz TT, Ely RA, Kamei C, Melvin G, Sinatra D. (2020) Integrative and lifestyle medicine strategies should include Earthing (grounding): Review of research evidence and clinical observations. Explore (NY).;16(3):152-160. doi: 10.1016/j.explore.2019.10.005.
  • Sokal K, Sokal P. (2011) Earthing the human body influences physiologic processes. J Altern Complement Med.(4):301-8. doi: 10.1089/acm.2010.0687.
  • Chevalier G, Patel S, Weiss L, Chopra D, Mills PJ. (2019) The Effects of Grounding (Earthing) on Bodyworkers’ Pain and Overall Quality of Life: A Randomized Controlled Trial. Explore (NY). 15(3):181-190. doi: 10.1016/j.explore.2018.
  • Oschman JL, Chevalier G, Brown R. (2015)The effects of grounding (earthing) on inflammation, the immune response, wound healing, and prevention and treatment of chronic inflammatory and autoimmune diseases. J Inflamm Res.;8:83-96.. doi:10.2147/JIR.S69656

Grafiken:

Die Bilder wurden unter der Lizenz von Shutterstock.com und Canva erworben und dementsprechend gekennzeichnet.

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Über Joshua Heyne

Joshua hat kürzlich sein Medizinstudium erfolgreich abgeschlossen. Auch in seiner Freizeit beschäftigt er sich mit dem Thema Gesundheit, liest gerne wissenschaftliche Studien und pflegt einen aktiven Lebensstil. Als Content Creator möchte er einen Beitrag zum Gesundheitsbewusstsein der Gesellschaft leisten. Bild: (c) Foto- und Bilderwerk

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