Magazin

Mikrobiom – Jungbrunnen im Darm?

Wie geht es eigentlich meinem Darm? Diese Frage ist präsenter denn je, denn das Mikrobiom unseres Darms gerät immer mehr in unser Bewusstsein und wird mittlerweile für viele Mechanismen in unserem Körper verantwortlich gemacht. Ob wir uralt werden, entscheiden viele Faktoren, auf die wir wohl mehr Einfluss haben, als bislang angenommen. Neueste Forschungen weisen darauf hin, dass die Darmflora maßgeblich daran beteiligt ist, wie lang wir leben und an welchen Krankheiten wir erkranken werden.

Welche Rolle die Darmgesundheit spielt, wird deutlich, wenn wir einmal die gesellschaftlichen Entwicklungen betrachten. Dabei wird eines ganz klar: Die Altersstruktur der Bevölkerung steigt in den Industrienationen. Aus diesem Grund wächst auch unser Bedarf nach neuen Lösungsansätzen altersbedingte Erkrankungen zu verringern. Die Behandlung chronischer Entzündungen steht dabei im Vordergrund, denn Entzündungsprozesse lassen sich bei so gut wie jeder altersbedingten Erkrankung nachweisen. Das Darmmikrobiom wurde in diesem Zusammenhang lange Zeit unterschätzt – ist mittlerweile aber immer häufiger Anlass neuer Forschungen. Genau darüber sprechen wir jetzt, los geht’s!

Das Mikrobiom: ein Super-Organ?

Der Begriff Mikrobiom wird synonym zur Darmflora verwendet und meint dabei die Gesamtheit der Mikroorganismen, die unseren Darm besiedeln. Hauptsächlich handelt es sich hierbei um Bakterien, deren Stämme sich in vier Typen unterscheiden lassen. Die Zusammensetzung der Darmflora kann Aufschluss darüber geben, in welchem körperlichen Zustand wir uns befinden. Sprich, eine gesunde Darmflora ist längst nicht nur für eine gute Verdauung verantwortlich. Der Darm wird daher gerne als zweites Hirn beschrieben, das in der Lage ist, unseren Körper, unsere Emotionen sowie den gesamten Stoffwechsel und das Immunsystem zu beeinflussen.

Das darmeigene Immunsystem, namens GALT (darmassoziiertes lymphatisches Gewebe) beherbergt etwa 70 Prozent unserer Immunzellen und hilft dabei unerwünschte Keime und körperfremde Stoffe zu eliminieren. Durch ein intelligentes System kann es zwischen guten und schlechten Keimen unterscheiden und schafft es dadurch, die gesunde Darmflora aufrechtzuerhalten und schädliche Eindringlinge zu bekämpfen.

Unser Darm ist mit Millionen von Nervenzellen durchzogen. Dadurch ist er in der Lage auf direktem Weg mit dem Gehirn zu kommunizieren und Informationen auszutauschen. Unser zweites Gehirn sendet also nicht nur Signale, sondern empfängt sie auch. Doch bevor wir zu sehr ins Schwärmen geraten, widmen wir uns nun dem spannendsten Teil, nämlich wie der Darm für Langlebigkeit sorgen kann.

Das Mikrobiom der Hochbetagten

Nur die wenigsten Menschen werden uralt und sind dabei noch immer fit und gesund. Die Lebenszeitspanne, in der wir gesund und ohne Diagnosen und Therapien leben, wird im Durchschnitt, immer kürzer. Doch was ist das Geheimnis hochbetagter Menschen? Obwohl sich das eigene Schicksal nicht gänzlich beeinflussen lässt, ist trotzdem sicher, dass wir durch einen gesunden Lebensstil mit viel Bewegung und gesunder Ernährung, Positives bewirken können. Lange Zeit wurde davon ausgegangen, dass die Genetik den höchsten Anteil daran hat, wie alt und gesund wir sind. Doch Studien legen nahe, dass dieser Einfluss weit geringer als gedacht ist und schätzungsweise bei 15 bis 30 Prozent liegt. Wer hätte das gedacht?!

In den Fokus der Aufmerksamkeit ist dahingehend auch unsere Darmflora gerückt. Die Bedeutung der zahlreichen Bakterien im menschlichen Körper wird zunehmend klarer und lassen sich ihrer Funktion nach aufteilen. Laut einer Studie der japanischen Keio Universität hängt der Gesundheitszustand hochbetagter Menschen zu einem bedeutenden Teil auch von der Bakterienzusammensetzung der Darmflora ab, wodurch die Immunabwehr sowie der gesamte Stoffwechsel beeinflusst wird.

Man sagt, dass jeder Mensch einzigartig ist. Welche unbeachtete Bedeutung hinter diesem Spruch steckt, erklärt sich im folgenden Absatz. Die Besiedlung der Darmflora ist ein lebenslanger Prozess, der bei der Geburt beginnt und erst mit dem Tod endet. In einer Studie, die im “Nature Metabolism“ veröffentlicht wurde, wurde die Darmflora von 9000 Menschen in einer Altersklasse von 18 bis 101 Jahren miteinander verglichen. Die Forscher stellten fest, dass nicht nur der Mensch an sich altert, sondern auch das Mikrobiom des Darms. Bei gesunden Probanden über 77 Jahre stellte man Veränderungen in der Darmflora fest, in welcher seltene Bakterienarten dominierten und das gewöhnliche Mikrobiommuster abnahm. Bei weniger gesunden Probanden fehlte diese Einzigartigkeit.

Der Jungbrunnen im Darm

Und jetzt widmen wir uns einer der interessantesten Fragen der Menschheitsgeschichte: Warum erreichen manche Menschen ein hohes Alter und manche nicht?

Dazu schauen wir uns einmal die Entwicklung in Japan an, denn nirgendwo sonst leben mehr Über-Hundertjährige Menschen. In Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern aus den USA ist man der Antwort dieser Frage nun etwas nähergekommen. Die Wissenschaftler verglichen das Darmmikrobiom unterschiedlicher Altersklassen und stellten fest, dass die Darmflora der Menschen über 100 Jahre eine charakteristische Zusammensetzung besitzt, bei der Mikroorganismen gehäuft vorkommen, die bestimmte Gallensäuren produzieren. Bislang ist die Funktion dieser Mikroorganismen noch nicht vollständig geklärt, jedoch geht man davon aus, dass diese in der Lage sind, das Wachstum von Darmpathogenen zu hemmen. So identifizierten die Forscher ein Molekül namens isoalloCA, welches das Wachstum von Clostridium diffizile hemmen kann. Bei Clostridium diffizile handelt es sich um einen typischen Krankenhauskeim, der starke Durchfälle hervorruft und dazu noch resistent gegen Antibiotika ist. Daraus schließen die Forscher, dass hochbetagte Menschen einen hohen Spiegel dieses protektiven Moleküls besitzen, welches zur Gesundheit und Langlebigkeit beiträgt.

Doch was nützt uns das hohe Alter, wenn wir geistig dahin siegen und das Leben nicht mehr in voller Pracht genießen können?! Studien lassen vermuten, dass Stuhltransplantationen dabei helfen könnten das Gehirn jung zu halten. Hierzu unterzogen sich ältere Mäuse einer Stuhltransplantation, gespendet von jungen Mäusen. Nach vier Wochen stellten sich erste Ergebnisse ein: Tatsächlich wurden einige altersbedingten kognitiven Beeinträchtigungen durch die Spendermikrobiota bei den alten Mäusen abgeschwächt. Bevor wir aber zu euphorisch werden, sollten wir unsere Hoffnung auf den Zeitpunkt verschieben, an dem Studien am Menschen ähnliche Ergebnisse aufzeigen können.

Das Mikrobiom im Gleichgewicht

Wir haben gelernt: Bei unserer Darmflora kommt es auf die Zusammensetzung an. Doch viele Ursachen sorgen dafür, dass das Gleichgewicht aus dem Takt gerät, wie eine Antibiotika-Therapie, oder eine falsche Ernährung. Unser Organismus ist auf dieses komplexe System angewiesen und profitiert von dieser nährstoffreichen Umgebung. Eine Dysbiose der Darmflora kann gravierende Folgen haben und Infektionen sowie Entzündungsprozesse begünstigen. In einem bestimmten Ausmaß hat die Darmflora die Kraft, schädlichen Faktoren entgegenzutreten und Erkrankungsprozesse zu verhindern. Ist das Mikrobiom einmal aus dem Takt geraten, besitzt es außerdem die Fähigkeit anschließend wieder zum “Normalzustand“ zurückzukehren. Halten die schädlichen Faktoren allerdings an, können diese Grund für die Entstehung von Krankheiten sein. Eine ausgewogene Ernährung, reich an Ballaststoffen, ist die Grundvoraussetzung einer gesunden Darmflora. Probiotika haben eine gesundheitsfördernde Wirkung auf die Darmflora und können dabei helfen, die Barrierefunktion des Darms zu stärken.

Zu guter Letzt

„…ein kranker Darm ist die Wurzel allen Übels…“, wusste Hippokrates schon. Ein intakter Darm ist äußerst wichtig für unsere Gesundheit und ein langes Leben. Die molekulare Zusammensetzung zu verstehen ist eine Herausforderung, der wir nun begegnen müssen. Um die komplexen Wechselwirkungen besser verstehen zu können, ist weitere Forschung nötig.

Bis dahin: Seien Sie gut zu Ihrem Darm!

Literatur:

Sato, Yuko, et al. „Novel bile acid biosynthetic pathways are enriched in the microbiome of centenarians.“ Nature (2021): 1-7.

Ruby, J. Graham, et al. „Estimates of the heritability of human longevity are substantially inflated due to assortative mating.“ Genetics 210.3 (2018): 1109-1124.

Wilmanski, Tomasz, et al. „Gut microbiome pattern reflects healthy ageing and predicts survival in humans.“ Nature metabolism 3.2 (2021): 274-286.

Boehme, Marcus, et al. „Microbiota from young mice counteracts selective age-associated behavioral deficits.“ Nature Aging 1.8 (2021): 666-676.

Grafiken:

Die Grafiken wurden unter der Lizenz von Shutterstock erworben und dementsprechend gekennzeichnet.

Related Posts