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Fasten – Perspektive für ein langes Leben

Westliche Länder sind in der privilegierten Situation des Essensüberschüsses. Der zukünftige Snack ist immer nur die nächste Imbissbude oder den nächsten Supermarkt entfernt. Das in modernen Gesellschaften am häufigsten vorkommende Essverhalten, drei Mahlzeiten plus Snacks am Tag, ist aus evolutionärer Sicht allerdings abnormal. In der Evolution folgten auf nahrungsreiche Perioden immer wieder nahrungsarme Zeiten – permanente Überschüsse gab es schlichtweg nicht. Die Konsequenzen des Status quo reichen, Fast-Food sei Dank, von Herz-Kreislauf-Krankheiten, über Diabetes bis hin zu diversen Krebserkrankungen.

Die Wissenschaft hat aus diesem Zusammenhang heraus dienliche Erkenntnisse gewonnen. Daten aus aktuellen und vergangenen Studien an Tiermodellen und Menschen legen nahe, dass Fasten Gesundheitsindikatoren verbessern und Krankheiten entgegenwirken kann.

Der Mensch fastet, indem er keine bis minimale Mengen an Nahrungsmitteln oder kalorienhaltigen Getränken für Zeiträume einnimmt, die typischerweise zwischen 12 Stunden und wenigen Wochen liegen. Dieses Prinzip ist keineswegs neu. Fastenrituale sind Teil der meisten menschlichen Bevölkerungsgruppen und Kulturen, einschließlich Buddhismus, Christentum, Hinduismus, Judentum und Islam. Traditionell wird hier in bestimmten Zeitintervallen oder an bestimmten Wochentagen gefastet. Die Folgen dieses Verhaltens blieben, abseits von der Gunst der Götter, aber für Jahrhunderte weitgehend spekulativ. Erst im 20. Jahrhundert drangen Forscherinnen und Forscher dann in die molekularen Grundlagen des Fastens vor.

Fasten ist aber nicht gleich Fasten. In erster Linie muss es vom Hungern abgegrenzt werden. Hungern meint eine chronische Ernährungsinsuffizienz, die manchmal fälschlich als Ersatz für das Wort Fasten verwendet wird, aber eher eine extreme Form des Fastens ist, die zu Degeneration und Tod führen kann. Ein Blick über die Ägäis gibt Einblick in diesen traurigen Umstand.

Beim Fasten angekommen werden grob zwei Prinzipien unterschieden. Einerseits gibt es die sogenannte Kalorienreduktion (caloric restriction). Darunter versteht man eine dauerhafte Reduktion der täglichen Kalorienaufnahme um 10-50%, ohne Mangelernährung zu erzeugen. Bei Menschen gibt es Untersuchungen, dass eine Kalorienreduktion von 15% am Tag am wirksamsten gegen die altersbedingte Sterblichkeit ist.

An dieser Stelle machen wir einen kleinen Ausflug nach Okinawa, Japan. Die langlebige Bevölkerung von Japans südlichster Provinz ist einer der am besten untersuchten Zusammenhänge zwischen Kalorienreduktion und einer verbesserten Gesundheitsspanne. Die Bewohnerinnen und Bewohner von Okinawa verstehen es wie keine andere Population überdurchschnittliche Bewegung mit unterdurchschnittlicher Nahrungsaufnahme zu kombinieren. Als dort ansässige Familien jedoch nach Brasilien zogen, passten sie sich an den westlichen Lebensstil an, der sowohl ihre Ernährung als auch ihre körperliche Aktivität beeinflusste. Die Folgen waren Gewichtszunahme und eine Abnahme der Lebenserwartung um satte 17 Jahre.

Es gibt bei der Kalorienreduktion aber auch einige Dinge, die man beachten muss. Eine dauerhafte Reduktion führt über kurz oder lang zu einer Gewichtsabnahme. Das kann für Übergewichtige wünschenswert sein, doch ist das Kollektiv von normalgewichtigen Personen naturgemäß auch vom Altern betroffen. Hier kann sich eine zusätzliche Gewichtsreduktion unter Umständen negativ auswirken.

Neben der Kalorienrestriktion gibt es ein zweites Prinzip, das diesem Umstand Rechnung trägt: das intermittierende Fasten, auch Intervallfasten oder Kurzzeitfasten genannt. Das ist die Bezeichnung für eine Ernährungsform, bei der ständig, in einem bestimmten Rhythmus, zwischen Fasten und der normalen Nahrungsaufnahme gewechselt wird. In der Regel kommt es hier zu keiner deutlichen Gewichtsabnahme. Beispielsweise kann über acht Stunden gegessen werden, darauf folgt dann eine 16-stündige Verzichtsperiode. Diese Art des Fastens hat in Studien an Mausmodellen zu einer Serie von vorteilhaften Effekten auf die Gesundheitsspanne geführt, über die Minimierung des Risikos der Entwicklung von altersassoziierten Erkrankungen. Dazu zählen Neurodegeneration, kardiovaskuläre Erkrankungen und Krebs. In ähnlichen Tierstudien konnte periodisches Fasten die schädlichen Konsequenzen von Alzheimer, Parkinson und Chorea Huntington dämpfen. In der Krebsbehandlung trug paralleles Fasten bei der Chemotherapie teilweise dazu bei, den Tumor „auszuhungern“.

Fasten, entweder als Reduktion der täglichen Kalorienanzahl oder als intermittierende Fastenperioden, wirkt sich positiv auf das Leben zahlreicher Spezies aus. Dies hat sich in der Milderung von altersbedingten Rückgängen bei den meisten pathophysiologischen Parametern, der Verschiebung des Stoffwechsels in Richtung Fettstoffwechsel und in der Verlängerung der maximalen Lebensdauer bei verschiedenen Tierarten gezeigt. Zuerst verbraucht der Körper die Kohlenhydratreserven in Form von Glykogen, dessen Speicher höchstens 24h reicht. Als nächstes kommen Eiweißreserven unter die Räder, bevor der Stoffwechsel ganz auf die Energiegewinnung aus Fetten umstellt.

Kalorienreduktion oder Fasten bedürfen einer großen Portion Selbstregulationsfähigkeit. Während eine dauerhafte Lebensstilmodifikation nicht von allen Menschen mit demselben Durchhaltevermögen verfolgt wird, könnten in Zukunft eventuelle Nahrungsergänzungsmittel eine nützliche Alternative bieten. Sirtuine beispielsweise werden durch Fasten aktiviert. Genauso können die Langlebigkeitsgene aber auch von NAD+ aktiviert werden. Nikotinamid-Mononukleotid (NMN) ist ein Vorläufer von NAD+ und vermag es so den Effekt von Fasten teilweise zu imitieren. Zusätzlich dazu wirkt Fasten auf den mTOR Langlebigkeitspfad. Fasten hemmt dabei den Signalweg und dämpft damit die altersbezogene Zunahme der Aktivität von mTOR, die mit einigen Krankheiten einhergeht.

Fasten wird also schon seit Jahrtausenden praktiziert, aber erst kürzlich haben Studien seine Rolle bei adaptiven Zellreaktionen beleuchtet, die oxidative Schäden und Entzündungen reduzieren, den Energiestoffwechsel optimieren und den Zellschutz stärken. Die gegenwärtigen Epidemien von Übergewicht, Diabetes und verwandten Erkrankungen sind Hindernisse für ein gesundes Altern. Wenn wir es schaffen die gesunde Lebenserwartung des Menschen verlängern, können wir die Prämisse des römischen Dichters Cicero vielleicht erfüllen: „Niemand ist so alt, dass er nicht noch ein Jahr leben zu können glaubt“. Fasten ist ein guter erster Schritt.

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Podcast David Sinclair

 

Ist Altern eine Krankheit?

Podcast UIBK

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